Wirtschaftliche Lage in der jüngsten Vergangenheit

1961‑1973: sog. Sozialismus

Kurz nach der Kongokrise im Jahre 1960 wurde der gesamte belgische Besitz auf ägyptischem Boden verstaatlicht. Direkt danach wurden Misr Bank und Nationalbank verstaatlicht, obwohl sie im Besitz von ägyptischen Privatpersonen waren. Dieser Trend setzte sich fort. 1961 wurden 75 große Betriebe, darunter Versicherungsgesellschaften, private Dienstleistungsbetriebe, Industriebetriebe, Banken und 50 % aller Baumwollhandelsgesellschaften verstaatlicht. In dieser Periode war die politische Philosophie noch nicht zu erkennen, die hinter diesen Maßnahmen steckte. Die Regierung hat diese Maßnahmen als revolutionären Schritt und als Mittel betrachtet, die wirtschaftliche Macht zu beeinflussen.

Ein weiterer Grund für die strikte Beibehaltung dieses Kurses seitens der sozialistischen Regierung, war die Verweigerung verschiedener einflussreicher Wirtschaftsgruppen und vor allem der Misr Bank das erste Regierungsprogramm (1960‑1965) zu unterstützen. 1963 wurden auch die großen Textil‑, Zement‑ und Glasindustrien verstaatlicht. Anschließend wurde versucht, alle Industriezweige in einer gemeinsamen Konzernführung zu vereinigen. Trotzdem war bald klar, dass diese Zusammenführung unter einer Verwaltung und einem Management Probleme hervorrufen würde.

Ägyptens Wirtschaft – Entwicklung von Sozialismus bis 2025

Es fehlten die Spezialisten in den einzelnen Branchen und die übergeordnete Verwaltung konnte den speziellen Anforderungen nicht gerecht werden. So konnten die Produktionserfordernisse der ägyptischen Wirtschaft immer seltener befriedigt werden. Es fehlte an den nötigen Voraussetzungen: z. B. fehlen Rohstoffe und Devisen, um fehlende Produktionsmittel einkaufen zu können. Die Verantwortung für die gesamte wirtschaftliche ägyptische Wirtschaft liegt zu diesem Zeitpunkt in den Händen verschiedener Ministerien, die alle Produktionsmittel sowie das gesamte Kapital verwalten und sogar Löhne und Preise festlegen. Alle verstaatlichten Wirtschaftsbetriebe wurden in 38 großen Konzernen zusammengefasst, die von 13 Ministerien geleitet werden. Ein enormer bürokratischer Aufwand ist die Folge. Per Gesetz wurden die Gewerkschaften in ihrer Funktion stark eingeschränkt und die Gewerkschaftler durch regierungstreue Beamten ersetzt. In der Folgezeit waren Demonstrationen verboten. Dafür mussten die Betriebsführungen einen Teil ihrer Arbeiter an der Planung und Verwaltung beteiligen.

Agrarwirtschaft: Die Reformen zum Landbesitz von 1952 wurden konsequent weitergeführt. Die Umverteilung führte von 200 Feddan pro Person über 100 Feddan pro Person auf später 100 Feddan pro Familie. Es wurde etwas ähnliches wie die Raiffeisengesellschaft eingeführt, d. h. ein Agrarreformministerium übernimmt die Versorgung der Bauern mit den notwendigen Ausgangsmaterialien (Saatgut, Dünger …) und Arbeitsmitteln (Werkzeug und Maschinen) sowie den Verkauf der produzierten Waren.

Änderung der Gesetzes- und Verfassungsstruktur

1974‑1989: Politik der wirtschaftlichen Öffnung

Nach dem Oktoberkrieg setzte Sadat mehrere politische und wirtschaftliche Reformen durch, um die wirtschaftliche Situation zu verbessern. Die Eigeninitiative von Privatpersonen wurde unterstützt, es wurde versucht, arabische und westliche Investoren ins Land zu locken. Dies wurde möglich durch die Versicherung (per Gesetz!), dass künftig weitere Verstaatlichungen ausgeschlossen sind. Viele der Reformen der 60er Jahre wurden zurückgenommen. Enteignete Betriebseigentümer bzw. Landbesitzer erhielten ihren früheren Besitz zurück oder wurden entschädigt, um die neue Richtung glaubhaft zu machen. Fortan wurde garantiert, dass alle ausländischen Wirtschaftsbetriebe vollkommen eigenständig operieren konnten, sie waren weder an bestimmte Löhne noch Preise gebunden. Eine Ausnahme bildete lediglich der Bereich der Pharmaindustrie.

Zusammenarbeit zwischen staatlicher Wirtschaft und Privatwirtschaft

Trotz der liberaleren Wirtschaftspolitik standen die staatlichen Wirtschaftsbetriebe weiterhin bei Statistiken an der Spitze: Sie stellten einen Großteil des Bruttoinlandsproduktes und banden sehr viele Beschäftigte. Viele Mitglieder des bürokratischen Apparats waren natürlich gegen die Privatisierungsmaßnahmen. Die Zusammenarbeit zwischen ausländischen Unternehmern und staatlichen Betrieben änderte sich dahingehend, dass das Ausland hauptsächlich Kapital und Technologie beisteuerten, der staatliche Sektor Arbeitskräfte und Flächen stellte sowie die Vermarktung übernahm. Dies wurde von Parlamentariern und Intellektuellen kritisiert, da in ihren Augen die ausländischen Investoren zu wenig boten (Meist brachten diese lediglich ihre Erfahrung ein!) und zuviel verlangten. Die Investoren hatten kein Interesse an einer Entwicklung der industriellen Produktion, sondern wollten nur ihre Stellung auf dem ägyptischen Markt ausbauen.

Sie wollten eigentlich die Position der ägyptischen Wirtschaft schwächen, um ihre Chancen auf dem ägyptischen Markt besser wahrnehmen zu können. In diesem Zusammenhang wurde den Leitern der staatlichen Betriebe ein zu unkritischer Umgang mit ausländischen Unternehmensleitungen vorgeworfen, um ihre persönlichen Interessen durchzusetzen. In diesem Zusammenhang war häufig auch von Bestechung die Rede. Trotz aller Reformen genossen die staatlichen Betriebe immer noch viele Privilegien: Ihnen wurde fast der gesamte Außenhandel übertragen. Ferner waren sie Monopolisten bei der Produktion und somit Bereitstellung lebenswichtiger Produkte (Wasser, Lebensmittel, Energie, öffentliches Transportwesen).

Verschuldung staatlicher Betriebe

Ab Mitte der 80er Jahre war durch die zunehmende Verschuldung der staatlichen Betriebe, die sich negativ auf den Staatshaushalt und die Außenhandelsbilanz auswirkte, der Weg bereitet für die Veräußerung einiger Staatsbetriebe und damit der Privatisierung.

Vorteile der Politik der wirtschaftlichen Öffnung

Für viele Staatsbetriebe wirkte sich der Wegfall von konkreten Vorgaben positiv aus, da sie nun ihre zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte und Mittel flexibel sowie stärker an der Nachfrage orientiert und somit effektiver einsetzen konnten. Ihre Wettbewerbsfähigkeit ließ sich so deutlich steigern. Die Aufgabenteilung zwischen Staatsbetrieben (Produktion) und Privatwirtschaft (Vermarktung, Vertrieb) wirkte sich hier ebenso positiv aus, wie das engere Zusammenarbeiten bei der Produktion von gewissen Gütern (Zuarbeit). Die Produktivität der staatlichen Betriebe stieg ebenso an wie die Durchschnittslöhne der Arbeiter. Anders sah die Situation in staatlichen Verwaltungseinrichtungen aus. Hier bestanden die Vorgaben zu bestimmten Einstellungsquoten weiterhin, die Zahl der Beschäftigten stieg unvermindert, nahezu explosionsartig an. In den 80er Jahren entwickelte sich das Bankenwesen sehr positiv. Durch die Liberalisierung der letzten Jahre wurden aus den vier großen staatlichen Banken 40 Banken (staatliche, private, privat‑staatliche und Tochterunternehmen von ausländischen Bankkonzernen).

Durch die Freigabe des Wechselkurses der ägyptischen Währung (LE) war es den Banken möglich, sich dem internationalen Markt zu öffnen. So konnten nun auch Ägypter, die im Ausland arbeiteten, ihr Geld gewinnbringend bei ägyptischen Banken anlegen. Dies verstärkte den Aufschwung des Bankensektors zusätzlich. Als Beispiel: die staatlichen Banken konnten innerhalb von 10 Jahren (1981/82 bis 1991/92) die Löhne ihrer Mitarbeiter um 74 % stärker steigern als dies in den anderen staatlichen Bereichen möglich war.

1989-1995: Wirtschaftsreformen

Leider fiel in diese Phase der Liberalisierung und zunehmenden Privatisierung der ägyptischen Wirtschaft die sog. Schuldenkrise 1987, d. h. Ägypten musste seine Auslandsschulden zurückzahlen. Dies bewirkte, dass die ägyptische Regierung um die Unterstützung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds bat, um die Planung und Verwirklichung einer weiteren Wirtschaftsreform zu ermöglichen. Die Umsetzung begann im Jahre 1991: Der staatliche und private Wirtschaftssektor wurden in ihren Rechten und Pflichten gleichberechtigt. Dies führte dazu, dass der staatliche Wirtschaftsbereich sich völlig von der staatlichen Verwaltung und Bürokratie löste. Dazu wurden alle staatliche festgelegte Preise freigegeben. Die staatlichen Betriebe wurden somit gezwungen, wirtschaftlich zu arbeiten und unter Wettbewerbsbedingungen zu bestehen. Die Wirtschaftssubventionen wurden von Zuschüssen in zinspflichtige Darlehen umgewandelt. Abschließend lässt sich feststellen, dass sich diese Privatisierungsmaßnahmen der Regierung zu anerkannten politischen Mitteln entwickelten.

Agrarsektor

Auch auf dem Agrarsektor griffen Reformen. Die Festlegung der Anbauprodukte durch den Staat und die Festsetzung garantierter Abnahmepreise durch den Staat fielen weg. Die Bauern orientierten sich nun allein an der Marktsituation (Angebot und Nachfrage), wodurch die Produktionsmenge deutlich gesteigert werden konnte.

QUELLE: Zentrum für politische und strategische Studien, Heft 20, 1997, Verfasser: Dr. Ali Abd El‑Aziz Suleiman

Aktueller Bericht: Ägyptens Wirtschaft 2015 – Aufbruch und Hoffnung

  • Im Jahr 2015 wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) Ägyptens um 4,4 % im Vergleich zum Vorjahr
  • Die Schuldensituation wurde stabilisiert: Bis März 2015 war die Außenverschuldung auf 39,9 Milliarden US-Dollar gesunken – ein Rückgang um 13,5 %.
  • Egypt veranstaltete 2015 die Egypt Economic Development Conference (EEDC) in Scharm el-Scheich. Dabei flossen Milliarden an Zusagen ein: Kuwait, Saudi-Arabien und die Emirate jeweils 4 Mrd. USD, BG Group 4 Mrd. USD und BP 12 Mrd. USD.
  • Ein wichtiger Schritt in Richtung Modernisierung war die Gründung der Suez Canal Economic Zone im Jahr 2015 – eingerichtet zur Förderung von Wachstum und Auslandskapital in der Region entlang des Suezkanals.

Aktuelle Wirtschaft 2025 – Stabilisierung mit Herausforderungen

Moderates Wachstum – 2024/25 und 2025

  • Im Fiskaljahr 2024/25 stieg das reale BIP um etwa 3,8 % (Prognosen lagen teils bei 4,0 %)
  • Die dritte und vierte Quartale zeigten stärkere Dynamik: Wachstum von 4,3 % im Okt.–Dez. 2024; erwartet waren 5,0 % im Jan.–März 2025.
  • Für das Jahr 2025/26 wird ein Wachstum von bis zu 4,7 % prognostiziert.

Inflationsentwicklung und Zinspolitik

  • Die Inflation erreichte im September 2023 einen Höchststand von etwa 38 %, verringerte sich aber bis Juni 2025 deutlich auf 14,9 %.
  • Die Zentralbank reagierte mit mehrfachen Zinssenkungen; zuletzt am 28. August 2025 um 200 Basispunkte, Depotzins nun bei 22 %, Kreditzins bei 23 %.

Externe Einnahmen und Investitionen

  • Starke Einbußen erlitt Ägypten bei den Suezkanal-Einnahmen – rund 145 Mrd. EGP (ca. 3 Mrd. USD) gingen verloren, unter anderem durch Angriffe auf Schifffahrtsrouten im Roten Meer.
  • Zugleich wurden signifikante Investitionen gesichert: etwa 24 Mrd. USD aus den VAE und ein weiterer 7,5 Mrd. USD-Partnertopf mit Katar.

Reformfortschritt und Struktur

  • Ägyptens Reformschritte wurden vom IWF gelobt: bessere Haushaltskontrolle und Modernisierung von Steuern und Zoll. Dennoch bleibt die Ausweitung der Steuerbasis eine Herausforderung.
  • Die 2023/24 entstandene Finanzkrise wurde größtenteils durch umfangreiche internationale Hilfe und marktorientierte Reformen überwunden.

Weitere Herausforderungen – Energieversorgung

  • Die ägyptische Energieindustrie steht unter Druck: Die Gasproduktion fiel zwischen 2021 und April 2025. Der Importbedarf stieg, insbesondere nach einem Lieferstopp aus Israel während regionaler Konflikte.

Gesamtüberblick – Wirtschaftsdaten 2025

  • Laut aktuellen Schätzungen liegt das nominale BIP Ägyptens bei etwa 347 Mrd. USD (2025), mit einem BIP-Wachstum von 3,8 %.
  • Inflation liegt weiterhin im zweistelligen Bereich (~20 %), die Arbeitslosenquote bei rund 6,3  % im Q1 2025 – jugendliche Erwerbslosigkeit deutlich höher.

Entwicklung von 2015 zu 2025

JahrWirtschaftslage
2015Zeichen der Erholung: moderates Wachstum (~4,4 %), sinkende Schulden, internationale Investitionszusagen, Aufbau strategischer Wirtschaftszonen.
2025Stabilisierung auf Wachstumskurs (~4 %), niedriger inflationsgrad (relativ), umfangreiche Reformen, aber weiterhin strukturelle Schwächen in Energie und Steuern.